Inzucht und Inzuchtdepression

Inzucht ist in der Farbmutationszucht zunächst unvermeidbar – wer eine neue oder seltene Mutation festigen möchte, muss verwandte Tiere miteinander verpaaren.

Was ist Inzucht?

Von Inzucht spricht man, wenn verwandte Tiere miteinander verpaart werden – zum Beispiel Geschwister, Eltern mit Nachkommen oder Halbgeschwister. Je näher der Verwandtschaftsgrad, desto höher der sogenannte Inzuchtkoeffizient (IK).

Inzucht erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Nachkommen an beiden Genkopien identische Erbanlagen tragen – also homozygot sind. Das ist in der Farbzucht erwünscht, wenn man eine rezessive Mutation reinerbig festigen möchte. Es bedeutet aber gleichzeitig, dass auch unerwünschte, schädlich wirkende Erbanlagen – sogenannte deletäre Allele – im Doppel auftreten und dadurch Krankheiten ausbrechen können, die bei nur einer Kopie des Allels verborgen geblieben wären.

Inzuchtdepression

Wenn Inzucht über mehrere Generationen fortgesetzt wird ohne Auskreuzung, tritt häufig eine Inzuchtdepression auf. Darunter versteht man eine messbare Verschlechterung von Gesundheit, Vitalität und Fruchtbarkeit im Bestand. Das eigentliche Warnsignal ist dabei immer der Bestand selbst – nicht ein rechnerischer Grenzwert.

Typische Anzeichen

  • Geschwächtes Immunsystem – erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, Parasiten und Pilzerkrankungen ohne erkennbare äußere Ursache
  • Sinkende Befruchtungsrate – kleinere Gelege, mehr unbefruchtete Eier als bisher
  • Zunehmende Küken- und Jungtiersterblichkeit – Küken sterben im Ei oder kurz nach dem Schlüpfen, obwohl sich an Haltung und Fütterung nichts geändert hat
  • Geringere Vitalität – Jungtiere wachsen langsamer, wirken schwächer, sind weniger widerstandsfähig
  • Vermehrtes Auftreten von Erbkrankheiten – Missbildungen, Stoffwechselstörungen oder Organerkrankungen, die in nicht ingezüchteten Linien selten vorkommen
  • Verkürzte Lebenserwartung über mehrere Generationen hinweg

Warum ist Inzucht in der Mutationszucht zunächst unvermeidbar?

Viele Farbmutationen bei Sittichen werden rezessiv vererbt – das heißt, ein Vogel muss die entsprechende Anlage von beiden Elternteilen erben, damit die Farbe sichtbar wird. Um eine solche Mutation reinerbig zu etablieren, müssen in den ersten Generationen zwangsläufig Träger miteinander verpaart werden, die oft aus derselben Linie stammen.

Das ist züchterisch legitim und nicht per se tierschutzrelevant – solange es gezielt, kontrolliert und zeitlich begrenzt erfolgt und anschließend durch Einkreuzung nicht verwandter Tiere wieder genetische Vielfalt eingebracht wird.

Wo liegt die Grenze?

Die Grenze zwischen vertretbarer Linienzucht und tierschutzrelevanter Überinzucht ist fließend. Einen verbindlichen Richtwert gibt es für Sittiche nicht – anders als etwa in der Hunde- oder Nutztierzucht existieren keine etablierten artspezifischen Grenzwerte.

Als Faustregel gilt: Spätestens nach 2-3 Inzuchtgenerationen sollten nicht verwandte Tiere eingekreuzt werden. Wer die oben genannten Anzeichen im Bestand beobachtet, sollte die Zuchtplanung sofort überdenken – unabhängig davon, wie viele Generationen bisher betrieben wurden.

Hinweis aufTierschutzgesetz


Die gezielte Verpaarung enger Verwandter – Elterntiere mit Nachkommen oder Vollgeschwister – zur Merkmalsfestigung ist nach § 11b TSchG problematisch, wenn dabei nachweislich Leiden entstehen.

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